Ich hätte doch so gerne…

13. Juni 2014 - Leave a Response

Liebe Oma,

Manchmal fühle ich mich ein bisschen schuldig. Kennst du das, wenn Menschen in deinem Leben an Bedeutung verlieren? Ab und zu denkt man an sie, aber sie sind nicht so präsent, wie sie es sein sollten. Ich erlebe das grad mit einer Freundin. Es ist schwer, wenn die Interessen und Lebensinhalte so unterschiedlich sind, viel Kontakt zu haben. Vielleicht rede ich mir das auch nur ein.
Aber was hat das mit dir zu tun? Ich kann es dir ehrlich gesagt gar nicht so genau beantworten, aber ich glaube, es hat mit meiner Art an dich zu denken zu tun. Du bist für mich nicht mehr so präsent. Die Augenblicke, in denen ich innehalte und bewusst zu mir sage: Auch wenn du ihr jetzt gerne davon erzählt hättest, du kannst nicht. Sie ist tot. ; sind seltener geworden. Dafür umso heftiger und schmerzvoller.

Der Grund, warum ich dir ausgerechnet heute schreibe, ist schnell genannt. Ich habe immer gehofft, dass du noch erlebst, wie ich mein Abitur bestehe. Jetzt habe ich bestanden, und du bist nicht da. Das tut weh, weil ich weiß, wie sehr du dich gefreut hättest und was es für dich und auch für mich bedeutet hätte, dir einmal mein Zeugnis zu zeigen. Für mich bleibt nur, darauf zu hoffen, dass du es von dort, wo du gerade bist, selbst sehen kannst.
Als ich Opa davon erzählt habe, hat er sich sehr gefreut und war sehr stolz. Und dann hat er einen Satz gesagt, der mir wohl noch lange im Kopf bleiben wird: Oma hätte sich so gefreut, davon zu erfahren; und sie wäre wahnsinnig stolz gewesen. Auch wenn man ihm seine Trauer nicht angehört hat, ich glaube, auch er ist traurig und enttäuscht darüber.

Im Vertrauen darauf, dass du mich trotzdem begleitest und Anteil an meinem Leben und dem aller Menschen, die dir wichtig sind, nehmen kannst, ist dein Tod immer noch leichter zu begreifen und weniger schmerzlich. Danke, dass es dich gab, Oma.

In Liebe,

Deine Enkelin

Ein Jahr

7. Januar 2014 - Leave a Response

Liebe Oma,

Nun ist es ein Jahr her, dass du gestorben bist. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Tag erinnern, den ersten Schultag im neuen Jahr. Es tut noch immer so weh. Ich fühle mich wahnsinnig schlecht, dass ich dir heute nicht so viel schreiben kann. Aber gerade finde ich einfach keine Worte.

Du wirst immer bei uns sein.

Deine Enkelin

Rückblick

14. Oktober 2013 - Leave a Response

Liebe Oma,

Heute habe ich mir die Zeit genommen, alle meine Briefe an dich noch einmal zu lesen. Eigentlich dachte ich, dass ich es nie schaffen werde, einen Brief, den ich geschrieben habe, noch einmal zu lesen. Aber es ging. Ich konnte nocheinmal merken, wie es mir in der letzten Zeit ergangen ist. Mich wieder zurück erinnern und merken, wie ich mich entwickelt habe.

Mittlerweile glaube ich sogar, das vermissen nicht mehr das richtige Wort ist. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass du nicht da bist. Für mich bist du da- nur anders. Vielleicht ist das das Stadium, in dem viele ihre Trauerarbeit abschließen können. Dein Tod ist für mich immer noch ein Verlust, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Und ich habe viel über mich selbst gelernt in dieser Zeit. Darum möchte ich dir noch einmal Danke sagen. Dafür, dass es dich gab und immer noch gibt. Dass wir alle dir wichtig waren. Während deiner Beerdigung hat Opa zu mir gesagt: “Oma hat euch Enkel immer als ihren Reichtum gesehen. Ihr wart ihr das wichtigste.”
Damals hat dieser Satz für wahnsinnig viele Tränen bei mir gesorgt und das tut er auch heute noch. Aber er hat mir auch gezeigt, dass meine Trauer vermutlich nicht einseitig war. Dir war es wichtig, wie wir klarkommen. Hast du manchmal getrauert und geweint, wenn es uns nicht gut ging?

Wenn ich mir die letzten Wochen und Monate ansehe, muss ich sagen, dass es gut war, etwas neues zu erleben. Etwas, das mich an meine eigenen Grenzen gebracht hat. Etwas, das ich aushalten musste und mit dem ich jetzt leben kann. Vielleicht hast du mir die Angst vorm Tod genommen. Musstest du damals leiden? Ich hoffe es nicht und du sahst auch nicht so aus. Ein friedlicher Tod ist für mich seitdem das natürlichste Ende eines erfüllten Lebens. Ist es in Ordnung, dass ich mir jetzt schon darüber Gedanken mache? Manchmal habe ich das Gefühl, dass man erst, wenn  man den Tod erlebt hat, das Wort Endgültig verstehen kann. Ich glaube, ich habe gelernt, dankbar zu sein für das, was ich habe. Dass es mir gut geht. Und dass sich das ganz schnell ändern kann.

Ein bisschen schäme ich mich dafür, dass ich solche Gedanken mit deinem Tod verknüpfe. Das ich meinen Vorteil daraus ziehen kann. Ich bitte dich inständig, verzeih mir das. Es soll nicht so egoistisch klingen, wie es sich für mich anhört. Aber du weißt ja bestimmt, wie ich das meine. Dafür muss ich eigentlich noch viel mehr Danke sagen.

In ein paar Tagen ist dein erster Geburtstag ohne dich. Währenddessen werde ich mit Mama im Urlaub sein. Trotzdem ist dieser Tag schon jetzt für dich reserviert. Als Erinnerung. Ich werde mir also Fotos von uns mitnehmen. Die Erinnerungen, die ich habe, trage ich ja ständig bei mir. Bald schreibe ich dir wieder. Ich hoffe, dass es dir genauso gut tut und dir gefällt, wie mir.

Ich liebe dich noch immer. Du bist und bleibst mein großes Vorbild.

In Liebe,

Deine Enkelin

Aus der letzten Zeit

9. September 2013 - Leave a Response

Liebe Oma,

Mittlerweile fühle ich mich so, als ob ich wieder im Alltag angekommen bin.
Manchmal passiert es mir noch, dass ich nachts nicht einschlafen kann. Dann höre ich “dein” Lied, und erlaube mir, traurig zu sein. Einfach zu weinen und es total doof zu finden, dass du nicht mehr da bist. Dann sehne ich mich sehr nach dir, mit dir zu reden- über alles Mögliche. Einfach Zeit mit dir verbringen. Aber das geht nicht mehr. Akzeptieren ist so schwer, wenn man keine andere Wahl hat.

Vor ein paar Wochen ist mein kleiner Cousin getauft worden- am gleichen Tag wie ich. Lustig, oder? Er ist superniedlich und auch ein echter Musikfan. Ich glaube, ihm gefällt es, wenn ich ihm vorspiele. Aber immer wenn ich ihn ansehe weiß ich, dass du ihn nicht kennen gelernt hast. Du weißt gar nicht, dass es ihn gibt. (Oder doch?) Es gibt Leben, das angefangen hat, nachdem deins aufgehört hat. Dieser Gedanke hat mich sehr bedrückt. Ich weiß, du hättest ihn gerne mal gesehen. Außerdem zeigt er mir, wie lange du schon fort bist. Es ist immer schwerer, daran zu glauben, dass ich nur für eine etwas längere Zeit nicht mit dir gesprochen habe.

Sehnst du dich auch manchmal nach uns? Nach Opa, deinen Kindern und uns Enkeln? Ich stelle mir immer wieder vor, dass du uns alle beobachtest und immer noch teil hast an unserem Leben. Dass du dich mit uns über eine gute Klausur, ein Stück, das man nach langem Üben endlich spielen kann, oder einfach über einen tollen Tag freust. Dass du da bist, wenn wir einsam sind und Unterstützung brauchen. Ich glaube, ohne diese Vorstellung ginge es mir jetzt nicht so gut.

Ich bin in meinem letzten Schuljahr- bald habe ich mein Abitur. Schon jetzt habe ich Angst vor der Verleihung. Allein der Gedanke, dass du es niemals siehst, obwohl du dich so darauf gefreut hast, treibt mir die Tränen in die Augen. Wenigstens weiß ich, das du stolz bist. Ich hoffe, du unterstützt mich in meinem letzten Schuljahr. Es gibt noch so viele Hürden, die ich überwinden muss und manchmal zweifle ich an mir.

Danke, dass du mir zuhörst.

In Liebe,

Deine Enkelin

Schon 8 Monate

14. August 2013 - Leave a Response

Liebe Oma,

Ich vermisse dich immer noch sehr. Nicht mehr jede Stunde, jeden Tag, aber immer mal wieder. Manchmal sitze ich vorm Telefon und denke: “Jetzt Oma anrufen. Von heute erzählen. Wie gut das mit dem Klavierstück geklappt hat. Wie der Urlaub war. Einfach ein bisschen plaudern.”

Das geht nicht mehr. Und das macht mich immer noch unendlich traurig. Mein einziger Trost ist, dass ich mir vorstellen kann, du guckst mir zu. Siehst, was ich mache. Was gut läuft. Was schlecht gelaufen ist. Ich stelle mir manchmal vor, dass du wie ein Engel bist. Der mich begleitet. Du bist da. Irgendwie. Ansonsten könnte ich das alles gar nicht aushalten.

Mittlerweile hat sich mein Leben eingependelt. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, dass dein Platz in meinem Leben nicht größer ist. Aber ich glaube, du bist glücklich so.

So langsam kommt bei mir aber auch die Angst vor deinem Jahrestag auf. Dein erster Geburtstag ohne dich. Ein komisches Gefühl. Opa geht es mal besser, mal schlechter. Mit ihm habe ich -leider- nie so viel Kontakt wie zu dir gehabt.

Das neue Schuljahr startet bald. Es ist mein letztes. Ich würde dir so gerne mein Abitur zeugnis zeigen. Weil ich weiß, wie stolz du darauf wärst. Wie glücklich. Bei dem Gedanken daran kommen mir immer noch die Tränen. Ich bete darum, dass du trotzdem siehst, was ich tue.

Ich liebe dich. Und ich vermisse dich. Ganz doll.

Deine Enkelin

Viel zu lange her

25. April 2013 - Leave a Response

Liebe Oma,

Eigentlich wollte ich dir viel öfter schreiben. Zum Teil habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich vielleicht zu faul war. Zu einem großen Teil habe ich aber auch einfach versucht, deine Abwesenheit zu verdrängen. Irgendwie mein Leben weiterleben. Das war gar nicht so einfach. Aber mittlerweile heule ich nicht jedes Mal, wenn ich ein Bild von dir sehe. Das hat lange gedauert.
Musik ist für mich immer noch so wichtig. Jedes Mal, wenn ich Bach am Klavier spiele, muss ich an dich denken. Wie ich dir vorgespielt habe und du neben mir gesessen hast und mich korrigierst. Ganz schön anstrengend, perfekt werde ich wohl nie spielen können. Aber trotzdem ist es für mich so, dass du da bist, wenn ich Musik mache. Auch mit meinem Bruder spiele ich immer öfter. Der ist ganz schön groß geworden, was?
In der Schule läuft es immer noch gut, darauf bin ich ziemlich stolz. Aber ich muss mir so langsam überlegen, was ich mit meinem Leben anstellen will. Darüber hätte ich so gerne mit dir gesprochen. Dir mein Zeugnis gezeigt und dir erzählt, was meine Pläne sind. Das fehlt mir echt. Obwohl ich ja dachte, ich wüsste, was ich machen will, bin ich mir da  mittlerweile gar nicht mehr so sicher.
Die richtige Entscheidung zu treffen wird ganz schön schwer. Studium oder nicht? Reichen meine Noten? Mache ich wirklich das richtige? Der Halt in meinem Leben ist mir verloren gegangen, habe ich manchmal das Gefühl. Woran kann ich mich orientieren? Wer kann mir helfen?

Ich vermisse dich sehr. Du warst eine so wichtige Person in meinem Leben. Du bist immer noch mein Vorbild. So wie du will ich mein Leben später auch einmal meistern können. Ich werde immer älter aber die nötige Reife bleibt immoment aus. Ich versuche, es allen Recht zu machen. Das du stolz auf mich sein kannst. Wenn ich daran denke, was ich so gerne noch mit dir erlebt hätte, steigen mir wieder die Tränen in die Augen. Ich hatte mich schon so gefreut, dich anzurufen, wenn ich meinen Führerschein habe.

Vermisst du uns auch so? Schaust du uns immer noch zu? Ich hoffe es so sehr. Ich liebe dich, Oma.

Deine Enkelin

Morgen

11. Januar 2013 - Leave a Response

Liebe Oma,

Morgen ist es soweit. Der offizielle Abschied mit der ganzen Familie, vor dem ich so viel Angst habe. In den letzten fünf Tagen habe ich keine Zeit gehabt, zu realisieren,  dass das vielleicht ein Abschied für immer ist. Kannst du dir vorstellen, dass das morgen meine erste Trauerfeier wird und deine letzte?
Wobei, ich kann mir nicht vorstellen, dass du ganz weg bist. Niemand ist je ganz weg. Wenn ich an dich denke, dann bist du da. Du begleitest mich. Ich hoffe, dir hat das neue Stück auf dem Klavier gefallen. Ich habe es ausgesucht, weil es irgendwie meine Stimmung wiederspiegelt.
Dein Verlust (wobei ich gar nicht weiß, ob das jetzt wirklich ein Verlust ist, denn für mich bist du irgendwie noch da) ist so schwer zu verstehen. Es hat mir echt geholfen, heute mit meinen Freundinnen darüber zu reden.
Die Schuhe, dir wir heute gekauft haben, gefallen dir hoffentlich. Sie sind irgendwie perfekt für morgen. Schlicht, schön und ich fühle mich in ihnen wohl.
Kannst du dir vorstellen, wie das morgen wird? Ich meine, alle kommen, auch Mamas Eltern, nur um sich von dir zu verabschieden. Würdest du dir wünschen, dass sie weinen? Auf meiner Beerdigung sollen die Leute weinen. Schließlich werden sie mich nicht mehr sehen, auch wenn ich sie weiterhin begleite. Aber sie sollen sich auch freuen. Denn ich bin ja nicht weg, sondern bei Gott.
“Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.” Erinnerst du dich? Das hast du in meine Bibel hineingeschrieben. Und das hat mir geholfen, in den letzten Tagen. Es gibt ein ewiges Leben, und dort werde ich dich sehen.
Was hast du dir zu deiner Beerdigung überlegt? Ich meine, morgen wird ja nur eine Urne beigesetzt. Aber irgendwie ist das ja schon mehr. Musst du auch Abschied nehmen? Von uns, genauso wie wir von dir? Ich weiß, dass du da sein wirst, aber es ist so ungewohnt und manchmal möchte ich einfach zum Telefon greifen und dich anrufen.
Das werde ich nie wieder tun. Und das tut weh.

Morgen wird ein langer Tag. Ich liebe dich, Oma.

Deine Enkelin

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